Glaubenskriege
Unsere Gesellschaft wird zunehmend immer mehr verwissenschaftlicht, egal in welchem Bereich. Das ist auf den ersten Blick keine schlechte Entwicklung, ist die Wissenschaft doch der bis dato erfolgreichste Versuch der Menschheit alles, womit Menschen in Kontakt kommen oder kommen könnten, zu beschreiben. Die Methodik ist klar und einfach, und hat sich über die Jahrhunderte bewährt.
Wir können mittlererweile auf den Mond und rund um die Welt fliegen, Satelliten zu allen möglichen Zwecken in die Erdumlaufbahn schießen, legen immer mehr Details des Organismus offen, und können die Welt mehrfach zerstören. Und noch viele andere Dinge. Zwar bleibt die Frage des “Warums” zwangsweise meistens unbeantwortet, allerdings lassen sich mit dem Werkzeug Wissenschaft schon sehr erstaunliche Dinge anstellen.
Bei diesem Überschwang wird allerdings sehr gerne die kritische Sicht auf die Wissenschaft ausgeblendet, und die Wissenschaft als absolute Wahrheit dargestellt. Unabhängige Forscher und Studien verschwinden mehr und mehr, Studien werden zum Teil sehr unsauber erstellt, und es fehlt die Zeit, und vor allem der ökonomische Anreiz, die bestehenden Theorien zu überprüfen bzw. zu falsifizieren.
Deutlich wird dies gerade bei der jüngst begonnen Hexenjagd auf die Homöopathie. Die Wissenschaft als solche lehnt die Homöopathie ab, und ist in ihrem Selbstverständnis natürlich auch dazu verpflichtet. Da die Homöopathie nämlich nicht eine Wissenschaft ist, und auch nicht mit einer wissenschaftlichen Methode arbeitet, wird sie aus Prinzip abgelehnt.
Auf der anderen Seite hat die Homöopathie allerdings auch Erfolge, zum Teil gerade dort, wo die Schulmedizin, also die Wissenschaft, versagt. Die Gründe für das Versagen können alle möglichen Gründe sein, entweder dass das Verständnis der biologischen chemischen und psychologischen Prozesse, und deren Zusammenspiel, sehr beschränkt oder schlicht nicht vorhanden ist, dass die wissenschaftlichen Modelle zu abstrakt sind, was auch immer, man weiß es schlußendlich nicht.
Genaugenommen müßte die Wissenschaft herausfinden, was an ihren Modellen de facto falsch ist, da spätestens die normative Kraft des Faktischen im Einzelfall, oder auch mehreren Fällen, beweißt, dass das verwendete Modell und seine Annahmen so nicht funktionieren.
Stattdessen wird versucht mit wissenschaftlichen Denkmodellen die Homöopathie zu diskretitieren, was auch nicht schwer fällt, da mit den heutigen Forschungsmethoden eine Wirksamkeit der Homöopathie nicht nachgewiesen werden kann. Somit wird den homöopathischen Erfolgen ganz einfach der Stempel “Placebo”-Effekt aufgedrückt, und die Wissenschaft ist einfach so aus dem Schneider.
Gut, man könnte argumentieren, dass die Wissenschaft einfach noch ein paar Jahre/Jahrzehnte/Jahrhunderte braucht, nur ist dies momentan nicht zielführend.
Formulieren wir es doch einfach um: wenn jemand krank ist, dann ist es dieser Person vollkommen egal, wie und warum er/sie wieder gesund geworden ist, vor allem wenn die Schulmedizin im Vorfeld bereits versagt hat und [!] die Heilung zum Teil nicht [!] erklären kann. Selbst wenn es tatsächlich nur einen Placeboeffekt bei der Homöopathie gäbe, wäre es dieser Person weiterhin egal, Hauptsache wieder gesund. Der Arbeitgeber freut sich da genauso wie die Krankenkasse.
Es kann doch nicht sein, dass man eine Heilung von der Entwicklungsgeschwindigkeit der Wissenschaft und den Interessen der Pharmaindustrie abhängig macht, getreu dem Motto: du bleibst solange krank, bis die Wissenschaft dieses Problem lösen kann und/oder die Pharmaindustrie ihr Geschäftsmodell erfolgreich umgestellt hat.
Eines kann man der Wissenschaft nicht nehmen: ihre Analysefähigkeit ist unübertroffen (z.B. gutartiger Tumor Position X,Y,Z)! Solange die Wissenschaft beschreibt ist sie in der Regel nicht anzugreifen. Das Problem entsteht dann, wenn im Beispiel der Medizin die richtige Therapie gefunden werden muss, man anfängt das vorliegende Ergebnis zu interpretieren bzw. wenn man versucht Zusammenhänge herzustellen. Der Körper muss sich selber heilen, und die Medizin versucht [!] ihn dabei zu unterstützen in dem sie versucht [!], die optimalen Rahmenbedingungen zu schaffen. Solange die Medizin eben nicht weiß warum der Körper ein bestimmtes Verhalten aufweist, ist sie in ihrem Therapieansatz stark benachteiligt.
Der gesunde Menschenverstand existiert in der Wissenschaft nicht, er sollte aber bei denen existieren, die Wissenschaft betreiben, und ganz besonders bei denjenigen die darauf ihre Entscheidungen stützen. Wenn man nicht von Zeit zu Zeit die nötige kritische Haltung einnimmt, kommt es zu solchen Auswüchsen wie in der jüngsten Vergangenheit. Sei es die Hexenjagd auf die Homöopathie, sei es der Kreuzzug gegen das Passivrauchen. Gerade bei letzterem tut sich die Wissenschaft keinen Gefallen. Studien, die extrem unsauber gemacht werden, beeinflusst von externen Interessen, und deren Ergebnis bereits im vornhinein feststehen.
In beiden Fällen wird ein Glaubenskrieg gefochten, auch wenn beide unterschiedlich geführt werden. Die Wissenschaft als Religion, die Religionsführer (Wissenschaftler), und die Jünger (der Rest) die in ihrem Käfig gefangen sind. Im Beispiel der Homöopathie also ein Krieg gegen die Andersgläubigen, die Heiden, diejenigen, die sich nicht nur des Werkzeugs Wissenschaft bedienen wollen, sondern auch noch anderen Göttern (Geld zählt hier ausnahmsweise nicht) dienen, im Beispiel des Passivrauchens ein Glaubenskrieg innerhalb der Wissenschaft, nämlich welche Methodik und welche Interpretation nun anzuwenden ist. In beiden Fällen wird der Krieg zusätzlich von aussen am Laufen gehalten, und die Wissenschaft dabei auch korrumpiert.
Die Politik, die hier regulierend eingreifen könnte unterlässt dies aber, im Gegenteil. Anstelle den Universitäten mehr Gelder zu bewilligen und bspw. der Pharmaindustrie abzunehmen um unabhängige Forschung zu gewährleisten macht die Politik genau das Gegenteil. Dies betrifft alle Wissenschaften, mit denen sich das “große Geld” verdienen lässt. Statt Unabhängigkeit die vollständige Kommerzialisierung, so dass diejenigen mit dem meisten Geld die Forschungsergebnisse bestimmen. Anstelle das Sommerloch zu stopfen und eine Hexenjagd auf die Homöopathie zu starten, um angeblich Kosten einzusparen, sollten sie diese Entscheidung den Kostenträgern überlassen. Anstelle mit fragwürdigen medizinischen Studien zum Passivrauchen aufzuwarten und ein Rauchverbot durchzusetzen, sollte sie lieber die Gastronomiebetriebe großzügig steuerlich fördern, die in ihren Räumlichkeiten das Rauchen verbieten, und diejenigen, die dies erlauben, stärker zur Kasse bitten.
Mit Verboten erreicht man in einer kapitalistischen Gesellschaft fast nichts, mit Geld fast alles.
Markus Ernst
Posted: Juli 15th, 2010 under Gesellschaft.
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