Politikverdrossenheit
Bremen hat das Wahlalter für die „Landtagswahlen“ auf 16 Jahre gesenkt.
Ab 2011 dürfen also Jugendliche wählen gehen, eine Reaktion auf die sinkende Wahlbeteiligung.
Nach meinem Verständnis unserer politischen Ordnung dürfen Erwachsene wählen gehen, Kinder und Jugendliche nicht. Dies wird allerdings auch auf Bundesebene nicht konsequent umgesetzt, bzw. widerspricht unserer Gesetzgebung.
Ich meine: wer volljährig ist, gilt vor dem Gesetz als Erwachsener, gilt als voll geschäftsfähig, und darf in der Folge wählen gehen. Im Justizbereich sieht dies allerdings wieder anders aus: dort gilt als Erwachsener, wer das 21. Lebensjahr vollendet hat. Dies führt dazu, dass jüngere „erwachsene“ Delinquenten nach dem Jugendrecht verurteilt werden, obwohl sie angeblich erwachsen sind.
Auch bei manchen Erwachsenen, z.B. bei sehr alten Semestern die schwer erkrankt sind, bspw. an Demenz, muss man sich dann fragen, ob diese ihr Wahlrecht überhaupt noch sinnvoll wahrnehmen können.
Dann kann man sich allerdings auch fragen, warum ein 12-jähriger nicht wählen darf, übrigens ein Alter, zu dem man früher einmal bereits als Erwachsener galt, was bspw. in der katholischen Kirche immer noch so ist.
Wir merken also: die Politiker werden über die Zeit immer verzweifelter, da ihnen über die Zeit ihre Legitimationsgrundlage wegbricht. Statt ihr Verhalten, dass zu dieser Lage führt, zu überdenken, erweitern sie einfach den Kreis der Wahlberechtigten.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch einen Artikel in der Print-Ausgabe der FR vom 28. September, in der das Verhalten der jüngeren Erwachsenen moniert wurde. So wurde beklagt, dass diese unpolitisch seien, und anstelle zu versuchen etwas zu ändern, sich mit den Begebenheiten abfinden, und für sich persönlich den maximalen Nutzen daraus ziehen.
Tja, die haben es halt verstanden: zum Einen, dass Veränderung nicht möglich, da unerwünscht, ist, und zum Anderen, ganz dem Zeitgeist entsprechend, sich selbst der Nächste zu sein. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten haben dabei sozusagen eine Vorbildsfunktion übernommen, die von der erwachsenen Bevölkerung aufgenommen wurde, und die jungen Erwachsenen im Laufe ihres Älterwerdens dies gelernt und perfektioniert haben.
Wenn die Politiker etwas gegen die Politikverdrossenheit unternehmen wollen, müssen sie sich selbst ihre Defizite eingestehen und ihr Verhalten ändern, dann klappts auch wieder mit der Wahlbeteiligung. Die Senkung des Wahlalters, falls es überhaupt etwas bringt, verzögert allenfalls eine noch geringere Wahlbeteiligung.
Markus Ernst
Posted: Oktober 29th, 2009 under Gesellschaft, Kommentar.
Comments
Comment from berti
Time 30. Oktober 2009 at 09:22
Ich kann dem überhaupt nicht zustimmen, denn wieder einmal wollen nur die “Oldies” ihre Macht/Pfründe sichern.
Und nicht nur in der Kirche wurde das Alter immer zweckdienlich eingesetzt, denn bis Ende 45 wurden Kinder als Flakhelfer verheizt, aber danach durften die Kinder/Jugendlichen erst mit 21 Jahren an der “neuen” Demokratie mitbestimmen.
Doppelmoral ohne Ende!!!
Comment from Lupe, der Satire-Blog
Time 3. November 2009 at 02:03
“Statt ihr Verhalten, dass zu dieser Lage führt, zu überdenken, erweitern sie einfach den Kreis der Wahlberechtigten.”
… muss ich mir merken.
aber es stimmt, denn wenn man rentenalter erhöhen will, muss man sich nach neuen wählerschichten umsehen.
die jungen, die leben ja ihre gegenwart, die machen sich noch keine gedanken über die zeit in 50 jahren.
Comment from Chris
Time 17. Februar 2010 at 11:37
Hallo Markus,
ich würde das Ganze nicht so negativ sehen. Zwar mag die Überlegung, durch mehr (potentielle) Wähler auch mehr Stimmen zu erhalten nicht ganz abwegig sein, aber der Hauptfokus dieser Änderung liegt meines Erachtens darauf, junge Menschen schon frühzeitig für Politik zu begeistern.
Ob viele junge Bremer ihrer neuen Möglichkeit nachkommen werden, nur weil sie es nun ab 16 dürfen, wage ich zu bezweifeln. Ich kenne sehr viele Jugendliche und junge Erwachsene, darunter zum Großteil Studierte, die gar kein Interesse haben und auch nie hatten.
Comment from Anjuschka Kinderspiele
Time 29. Oktober 2009 at 15:33
Dem kann ich nur vollkommen zustimmen. Es ist ziemlich schwachsinnig das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusenken.