Utilitarismus 2.0
Es ist immer wieder das Gleiche: irgendjemand macht etwas, was man nicht machen sollte, und sagt dann zu seiner Verteidigung, dass wenn er/sie es nicht mache, irgendjemand anders es macht. So „kann“ man alles rechtfertigen.
Das ist mit das erbärmlichste, was man an einer Rechtfertigung vorbringen kann: bevor es jemand anders macht, kann auch ich es machen, und erhalte dafür meine 30 Silberlinge.
Wenn ich nicht für meine Firma der Oma den letzten Cent abknüpfe, dann tut es jemand anders, oder gar die Konkurrenz. Selbst eine kollektive Verweigerung würde nichts bringen, da so der Preis für eine Dienstleistung solange in die Höhe getrieben würde, bis es jemand macht.
Und was sagt der Gesetzgeber? „Mach mal!“
Uns wurde seit Kindesbeinen an eingebläut, dass es zum gegenwärtigen politischen, und somit auch wirtschaftlichen, System keine Alternative gäbe. Wir hören allen Ortens, dass es anders nicht geht. TINA, There Is No Alternative.
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, bzw. die Politik der Volksvertreter. Anders herum formuliert: wenn der Preis stimmt, werden auch die entsprechenden Gesetze durchgewunken. So haben bspw. In der aktuellen Krise die Hauptverursacher eben dieser dafür gesorgt, dass die Gesetze von ihnen selbst formuliert, und dann vom amerikanischen Kongress abgesegnet wurden.
Die Boni, und somit der Privatjet etc. sind somit vorerst gesichert.
Da fragt man sich doch ernsthaft, wozu die Volksvertreter eigentlich da sind. Sollten Volksvertreter nicht Utilitaristen sein? Das größtmögliche Wohl für die größtmögliche Zahl an Menschen?
Es scheint ein andersgearteter Utilitarismus zu sein: das größtmögliche Wohl für das größtmögliche Kapital. Da das größtmögliche Kapital von nur sehr wenigen Menschen gehalten wird, zielt die Politik genau auf diese Klientel ab.
Und was ist mit dem Rest? Abseits von Volksverdummung durch Radio und TV: nichts.
Wann wachen endlich die Bürger auf und merken, dass sie von vorne bis hinten zum Narren gemacht werden? In den USA scheint es schon langsam begonnen zu haben, da es dort quasi kein Sozialnetz gibt. Wenn sich die Gewohnheit aus der Vergangenheit bewahrheitet, dass die Trends aus den USA nach Europa überschwappen, dann stehen auch hier die Zeichen auf Veränderung.
Dazu bedarf es keines charismatischen Führers, sondern der Einsicht der Bürger, dass es so nicht weitergehen kann. Und eines ist gewiss: die Eliten haben eine Heidenangst vor dem Zorn des „Pöbels“. Davon abgesehen, tut unser gesellschaftliche Zustand, der der Dekadenz, sein Übriges: die Dekadenz hat noch jede Macht zerstört, die sie erhalten wollte. Wir erleben es gerade wieder.
Markus Ernst
Posted: November 13th, 2009 under Gedanken, Gesellschaft, Wirtschaft.
Comments
Comment from paola
Time 23. November 2009 at 15:19
wenn es stimmt, was der spiegel schreibt und die nächste krise schon vor der tür steht, dann dürften spätestens dann so einige aufwachen. denn ich glaube kaum, dass die politik es sich leisten könnte einen weiteren bail-out zu machen, ohne dass es massive proteste gäbe.
Comment from 7schläfer
Time 24. November 2009 at 18:46
@Bernd
Natürlich lebt ein Hartz IV Empfänger im Vergleich mit einem Slum-Bewohner Süd-Amerikas, Asiens oder Afrikas in “Saus und Braus”. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, da sind wir uns sicherlich ebenso einig, dass solche Verhältnisse in Deutschland gewollt sind ;)
Es wird daher Business as usual geben, und zwar in jeder Hinsicht. Die jetzigen Inhaber von zentralen Machtpositionen werden jetzt alles Nötige tun, damit sie auch nach einem Totalabsturz des Systems wieder ungefähr da stehen, wo sie jetzt schon sind.
Comment from 7schläfer
Time 24. November 2009 at 18:52
@paola
sehe ich genauso; vielleicht findet sich dann aber auch eine neue Bedrohungslage, so dass das finanzielle die Bürger erstmal nicht weiter interessiert.
Nachdem bis jetzt das Platzen der jetzigen Blase weitestgehend eingedämmt werden konnte, ist dies bei der nächsten nicht gesichert, da diese noch größer sein wird. Was gibts dann? Früher(TM) wurden dann sehr gerne Kriege geführt.
Comment from Bernd
Time 22. November 2009 at 21:48
Die Fragen: “Sollten Volksvertreter nicht Utilitaristen sein? Das größtmögliche Wohl für die größtmögliche Zahl an Menschen?” machen nachdenklich.
Können Volksvertreter das überhaupt leisten?
Die Ausgangslage stellt sich für mich so dar: Der einzelne Mensch ist, von Ausnahmen abgesehen, individualistisch fast ausschließlich auf sein eigenes Wohl bezogen. Die Verteidigung “wenn ich es nicht mache macht es jemand anderer” ist also erbärmlich aber irgendwie verständlich und verbreitet.
Volksvertreter sollten die Interessen des Einzelnen vertreten – also müssen sie eigentlich fast gezwungenermaßen ebenfalls eine derartige Einstellung haben.
Um es an einigen mir schnell einfallenden Beispielen zu zeigen:
Wenn Deutschland keine Panzer erzeugt und liefert machts wer anderer und es fehlen Exportgelder. Wenn Deutschland keine (tierungerechte) Massentierhaltung zulässt, machts wer anderer und die Landwirtschaft geht völlig zugrunde. Wenn Deutschland nicht billige (billig ist allerdings fraglich) Kernenergie nutzt machts wer anderer und wir müssen die Energie von außen zukaufen. Wenn Deutschland keine Dumpinglöhne zulässt, machen es andere und die Arbeitsplätze wandern aus.
In all diesn Beispielen muss ich leider gestehen, dass die Argumentation “erbärmlich” aber leider richtig ist. Die einzige Chance besteht darin, das es dieses “machen es andere” irgendwann einmal nicht mehr geben dürfte. Aber das liegt meines Erachtens nach nicht in der Hand der lokalen Volksvertreter.
Die oben geforderten “Utilitaristen” müssten definitiv erst geschaffen werden. Ein Bewusstsein dafür, dass es eben nicht von allein jedes jahr 10 % besser (billiger, schneller, komfortabler) gehen kann muss erst geschaffen werden.
Der obige Satz “Dazu bedarf es keines charismatischen Führers, sondern der Einsicht der Bürger, dass es so nicht weitergehen kann.” ist absolut richtig – aber ich fürchte dass dieses Bewusstsein global eintreten müsste um wirksam zu werden. Und dazu gibt es noch viel zu viele die eben nochnicht in dem uns gewohnten Überfluß leben – die mit Staunen sogar darauf schauen würden wie hier sogar Harz IV Empfänger leben. Nicht das es denen nun so gut geht – aber im Vergleich zu einem riesigen Anteil der Weltbevölkerung lebt sogar ein Harz Empfänger in “Saus und Braus”.
Ich bin da sehr pessimistisch – es wird business as usual geben bis wirklich ernsthaft alles zusammenkracht und der obige Schlußsatz dass die Dekadenz bisher jede Macht zerstört hat wird wohl auch für uns wieder gelten.