Zero Tolerance 2.0
Es ist wieder einmal so weit: das Thema Nichtraucherschutz ist in aller Munde. Was ist denn nun wieder passiert? In Bayern gab es gestern einen Volksentscheid, nachdem ab dem 01. August 2010 fast sämtliche Aussnahmen des Nichtraucherschutzgesetzes abgeschafft werden.
Als unmittelbare Folge brechen wieder die Grabenkämpfe um das Pro und Contra auf. Eine sinnvolle Diskussion ist nicht möglich, und vor allem von den Verbotsbefürwortern auch nicht erwünscht, was vor allem das schließen von Kompromissen betrifft, etwas also, das sonst gerne als demokratische Tugend verkauft wird.
Interessant finde ich die Überlegung was passiert wäre, wenn das Ergebnis umgekehrt ausgegangen wäre: gleiche Wahlbeteiligung, nur 60% für die Beibehaltung und 40% für das komplette Verbot. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Initiatoren von einer erfolgreichen Beeinflussung durch die Tabaklobby gesprochen hätten, so wird es nun halt als Sieg für die Demokratie verkauft; vor allem in der heutigen Zeit, wo über die große Politikverdrossenheit geklagt wird (siehe auch Wahlbeteiligung gestern), kommt so ein Volksentscheid doch wie gerufen, und dient als Kontrollinstanz.
Auch die Basis, d.h. das Fundament, auf das sich die Nichtraucher-Lobbyisten stützen, müsste einer genaueren Prüfung unterzogen werden. Überhaupt: es gibt nicht nur eine Tabak-Lobby, sondern auch eine Nichtraucher-Lobby, die ebenfalls über sehr große finanzielle Mittel verfügt, anders ließen sich die Propagandafeldzüge gegen das Rauchen auch gar nicht finanzieren. Die Nichtraucherinitiativen werden zum Teil von der Parmaindustrie unterstützt, die auf diese Weise den Absatz ihrer Produkte für den werdenden Nichtraucher erhöhen möchte.
Studien, die den gesundheitlichen Schaden von Passivrauchen widerlegen oder auch nur relativieren, werden als Propaganda abgetan, genauso müsste man dann die anderen Studien, die das Gegenteil behaupten, ebenfalls als Propaganda abtun. Es gibt Studien, die von beiden Seiten verfälscht wiedergegeben werden, als auch Studien von beiden Seiten, die sich den Vorwurf der gezielten Manipulation gefallen lassen müssen. Was früher der Tabakindustrie vorgeworfen wurde, nämlich die Verharmlosung des Rauchens, muss nun den Rauchgegnern vorgeworfen werden, nämlich dass sie die Gefahren des Rauchens bzw. Passivrauchens über Gebühr aufbauschen.
Das gestrige “Volksurteil” zeigt vor allem zweierlei: 1.) den Sieg der Bequemlichkeit, und 2.) den Sieg der Intoleranz.
Zu 1.): wenn es tatsächlich um die Gesundheit ginge, und das Passivrauchen, d.h. das Einatmen von gesundheitsgefährdenden Partikeln, tatsächlich so ungesund ist, wie von der Nichtraucher-Lobby immer wieder behauptet, dann müsste man auch dem größten Giftgasemmitenten zu Leibe rücken, nämlich dem Automobil. Das Automobil verbreitet dabei nicht nur millionenfach hochgiftige Abgase, denen man sich nirgendwo entziehen kann, sondern gefährdet das Leben und die Gesundheit der Menschen durch Verkehrsunfälle. Hier siegt eindeutig die Bequemlichkeit. Es ist in der Tat wesentlich bequemer mit einem eigenen Auto, anstatt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zu fahren, vom Laufen mal ganz abgesehen. Da ist es wesentlich bequemer etwas zu bekämpfen, von dem man nicht abhängig ist, und seine eigene Abhängigkeit (hier vom Automobil) bagatellisiert, auch wenn der verursachte Schaden deutlich über dem vom Rauchen liegt.
Zu 2.) ich verstehe diese unglaubliche Intoleranz nicht: wenn unsere Gesellschaft partout das Nichtrauchen fördern will, soll sie ganz einfach für Nichtraucherkneipen-, -lokale, -diskos, etc. Steuervergünstigungen anbieten, finanziert durch die Tabaksteuer. Wo es eine Nachfrage (laut Nichtraucher-Lobby) gibt, bleibt das Angebot nicht aus. Wenn keine Nichtraucherkneipen in der Ortschaft vorhanden sind, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder gibt es keine, oder nur eine sehr geringe Nachfrage, oder jemand hat eine Geschäftsidee verpasst. Auch die strikte Ausweisung als “Raucherlokal” wird nicht toleriert, getrennte Räumlichkeiten genausowenig wie funktionierende Entlüftungsanlagen.
Unabhängig davon wie schädlich Passivrauchen tatsächlich ist, sollte man hier nicht in ein schwarz-weiß Muster verfallen. Hier geht es eben nicht um die Gesundheit, sondern um Kontrolle. Den Menschen wird durch die Volksabstimmung in Bayern, und auch in anderen Ländern, suggeriert, dass das System noch funktioniert. Gleichzeitig kann man wunderbar von den eigentlichen Problemen ablenken, und ein weiterer Vorteil liegt auch auf der Hand: indem man das Volk spaltet (morgen sind vielleicht bereits die Übergewichtigen dran) verhindert man ein Aufbegehren durch bspw. einen saftigen Wahldenkzettel.
Verblüffend ist und bleibt, wie selbst normalerweise kritische Stimmen, die sonst der Regierungs- und Medienpropaganda sowie den Lobbyisten argwöhnisch bis ablehnend gegenüberstehen, auf einmal alles schlucken, was man ihnen vorsetzt. Es entwickelt sich daraus stellenweise ein Fanatismus, der seines gleichen sucht. Der gesellschaftliche Aspekt der steigenden Reglementierung und dadurch steigenden Entmündigung wird dabei auch gerne vernachlässigt.
Was bleibt: eine sich selbst zerfleischende Bevölkerung sowie Politker und andere Profiteure, die sich ins Fäustchen lachen können.
Das “witzigste” dabei ist: ein Hamburger ist so schädlich wie Passivrauchen (Link und Lesebefehl).
Also “Null Toleranz” als Gesellschaftsmodell? Klingt erstmal gut, ist es aber nicht. Oder machens wir einfach anders rum: Zero Tolerance für unsere politischen und wirtschaftlichen Eliten.
Markus Ernst
Posted: Juli 5th, 2010 under Gesellschaft, Kommentar.
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